Die letzte Bastion: Angeln ist das Yoga traditioneller Männlichkeit

Kolumne im prager frühling

06.02.2013

Schätzungsweise 98 Prozent der AnglerInnen sind männlich. Der Angelsport, oder besser: die Angelkultur muss als die letzte Bastion aufrechten Mann-Seins betrachtet werden. Selbst in den Vorständen der Dax-Unternehmen dürfte der Frauenanteil inzwischen über dem in deutschen Anglerverbänden liegen. Während immer mehr Frauen an absurden Einrichtungen wie dem Militär teilhaben wollen, ist dies bei vergleichsweise harmlosen Angelvereinen nicht der Fall.

„Warum gehen Männer angeln?“ sollte zu einer zentralen Frage der Gender-Forschung und der feministischen Sportsoziologie werden: Denn in dieser Frage kulminiert das große Unverständnis von Frauen gegenüber Männern und ihren großen und kleinen Macken. In ihr offenbart sich das ganze Mysterium des Unbehagens zwischen den Geschlechtern. Der Angelsport entzieht sich bis heute postmoderner Dekonstruktion. Oder anders gesagt: Angler zu verstehen scheint mir der Schlüssel zum Männerverstehen.

Die etablierte Wissenschaft hat das noch nicht begriffen. Über den Angelsport liegen kaum Erkenntnisse vor: Als olympische Disziplin nicht zuglassen, von der Sportsoziologie vergessen, ohne nennenswerte Erkenntnisse darüber, in welchem sozio-kulturellen Milieu das Ganze verortet ist und noch keiner queer-feministischen Analyse unterzogen.

Das nenne ich Sexismus in der Forschung.Denn über die Gegenfrage „Warum sammeln Frauen Schuhe?“ gibt es zahlreiche Abhandlungen — vom Stammtisch bis zur Psychoanalyse. Dabei erschließt sich diese Antwort aus der Logik: Vier Jahreszeiten und verschiedene Geländeformationen sowie ein Sinn für Ästhetik und guten Geschmack erfordern nun mal eine gewisse Grundausstattung.

Logisch erklärt sich der Angelsport hingegen nicht: Viel praktischer wäre es doch, sich wahlweise einen Backfisch auf dem Rummel, oder etwas frisch Gefangenes aus nachhaltiger Teichbewirtschaftung im Bio-Supermarkt zu besorgen – unser Getreide bauen wir in aller Regel ja auch nicht selber an. Stundenlang Zeit zu investieren bei magerer Ausbeute ist wenig effektiv. Die ganze Zeit stumm dasitzen und nichts sagen — das erscheint zumindest mir als der Inbegriff der Trostlosigkeit.

Angesichts der schlechten Datenlage fragte ich einen Freund und Kollegen, der es mit seinen Angelerfolgen bereits in die bekannteste deutsche Polit-Illustrierte geschafft hat. Im persönlichen Gespräch und durch die Lektüre eines Buches lernte ich Erstaunliches:

Es geht beim Angeln um nicht weniger als das Scheitern, die Leere. Die Leere ist die Antwort auf unsere Suche nach dem tiefen Grund, dem Sinn des Lebens und dem Wesen der Welt. Der See spiegelt das Unbewußte, das man schweigend und kontemplativ betrachten kann. Angeln befördert die Entschleunigung. Es geht um Sein und Glückseligkeit, um die Kunst des Lebens. So argumentiert Christoph Schwennicke in „Das Glück am Haken“.

Ich verstehe: Angeln ist also das Yoga des Mannes — nur mit dem Nachteil, dass es nicht noch nebenher einen drahtigen Körper schafft. Angeln ist Meditation.

Angler sind die Buddhisten der westlichen Welt. Wäre da nicht dieser Untertitel: „Der ewige Traum vom dicken Fisch“. Und zwischen den Zeilen kann sich die erotische Komponente des Angelns nicht verstecken. Vom Angeln als Porno, von dicken Dingern, von Ruten, gar vom Forellenpuff ist da die Rede, und schließlich davon, dass es beim Angeln wie im echten Leben am Ende doch auf die Größe ankommt: „Jeder will den größten haben“. Ich ahnte es. Ohne Freud kommen wir der Sache nicht auf den Grund.

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Über mich
Ich bin Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Mieten-, Bau- und Wohnungspolitik sowie für Clubpolitik.